Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat am 23. Juli 2025 ein wegweisendes Gutachten vorgelegt, das die rechtlichen Verpflichtungen von Staaten in Bezug auf den Klimawandel umreißt. Obwohl die anfänglichen Marktreaktionen angesichts breiterer wirtschaftlicher Sorgen verhalten waren, könnte das Urteil einen entscheidenden Moment für die Finanzmärkte darstellen und die Vermögensbewertungen, insbesondere im Bereich der fossilen Brennstoffe, grundlegend neu gestalten. Dieses beispiellose rechtliche Gutachten unterstreicht einen wachsenden globalen Konsens über Klimaverantwortung und könnte umsichtige Kapitalmarktteilnehmer weltweit zu einer Neubewertung ihrer Anlagestrategien zwingen.
Das IGH-Gutachten im Überblick:
- Der IGH hat am 23. Juli 2025 ein Gutachten zu den Klimaverpflichtungen von Staaten veröffentlicht.
- Es könnte grundlegende Auswirkungen auf die Finanzmärkte und Vermögensbewertungen haben, insbesondere im Sektor fossiler Brennstoffe.
- Regierungen haben eine umfassende rechtliche Pflicht zum Schutz der Umwelt vor Treibhausgasemissionen.
- Diese Pflicht erstreckt sich auf den Schutz aktueller und zukünftiger Generationen vor der Klimakrise.
- Aktivitäten im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen, wie Lizenzen und Subventionen, könnten als "völkerrechtswidrige Handlung" eingestuft werden.
Die rechtliche Verpflichtung zum Klimaschutz
Das einstimmige IGH-Gutachten, das das Ergebnis von Bemühungen junger Rechtswissenschaftler von tief liegenden Pazifikinseln und der Regierung Vanuatus ist, bestätigte, dass Regierungen und Länder eine tiefgreifende rechtliche Verpflichtung tragen, die Umwelt vor Treibhausgasemissionen zu schützen. Diese Pflicht erstreckt sich auf den Schutz sowohl aktueller als auch zukünftiger Generationen vor der eskalierenden Klimakrise und erfordert eine robuste internationale Zusammenarbeit. Von großer Bedeutung ist auch, dass die Feststellungen des Gerichts postulierten, dass Aktivitäten im Zusammenhang mit der Produktion fossiler Brennstoffe, einschließlich der Erteilung von Lizenzen und der Bereitstellung von Subventionen, potenziell als eine "diesem Staat zurechenbare völkerrechtswidrige Handlung" ausgelegt werden könnten.
Potenzielle Auswirkungen für Anleger: Eine Neubewertung ist unumgänglich
Die potenziellen Auswirkungen für Anleger sind erheblich, so Günther Thallinger, Vorstandsmitglied bei Allianz, einem der größten Versicherer weltweit. Thallinger bezeichnete das Urteil des IGH als die wohl bedeutendste Klimaentwicklung seit dem Pariser Abkommen von 2015. Er argumentierte, dass das Urteil, obwohl es auf bestehenden Rechtsrahmen basiert, eine Neubewertung von Vermögenswerten erfordert, insbesondere für solche, die an kohlenstoffintensive Industrien gebunden sind. "Wenn man als Investor das nimmt, was der Internationale Gerichtshof gerade gesagt hat, dann muss eine Neubewertung dieser Vermögenswerte erfolgen. Jeder umsichtige Investor muss das jetzt tun", erklärte Thallinger und fügte hinzu, dass selbst skeptische Investoren damit rechnen müssen, dass nationale Gerichte und Regierungen in einigen Rechtsordnungen diese Auffassung übernehmen könnten, was zu unbestreitbaren Auswirkungen auf die Vermögensbewertung führen würde.
Subventionen und Lizenzen für fossile Brennstoffe im Fokus
Ein entscheidender Aspekt des IGH-Gutachtens betrifft seine Haltung zu Lizenzen und Subventionen für Aktivitäten im Bereich fossiler Brennstoffe. Thallinger betonte, dass, wenn Subventionen als rechtswidrig eingestuft werden, deren Einstellung zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Erwartung wird. Dies hat tiefgreifende Auswirkungen auf Geschäftsprozesse, die ganz oder teilweise auf solche staatliche Unterstützung angewiesen sind. Für Investoren wirkt sich eine Reduzierung oder Eliminierung dieser Subventionen direkt auf die prognostizierten Cashflows aus, was eine Abwärtskorrektur der Vermögensbewertungen notwendig macht. Industrien wie Bergbau, Öl und Gas, die stark von staatlich erteilten Genehmigungen und finanziellen Anreizen abhängig sind, könnten erheblichem Umstrukturierungsdruck ausgesetzt sein.
Internationale Reaktionen auf das IGH-Gutachten
Die Reaktionen der beiden größten Kohlenstoffemittenten der Welt, der Vereinigten Staaten und Chinas, auf das IGH-Urteil waren unterschiedlich. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Taylor Rogers, die die Regierung von Präsident Donald Trump vertrat, bekräftigte ein Festhalten an der "America First"-Politik, die inländische Interessen priorisiert, wie Reuters berichtete. Im Gegensatz dazu deutete ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums an, dass das Urteil eine "positive Bedeutung" für die Förderung der internationalen Klimakooperation habe, während er gleichzeitig Chinas Status als Entwicklungsland bekräftigte. Diese divergierenden Positionen unterstreichen die komplexe geopolitische Landschaft rund um Klimaschutzmaßnahmen.
Divergierende Marktperspektiven und das Risiko von Rechtsstreitigkeiten
Nicht alle Marktteilnehmer betrachten das IGH-Gutachten mit dem gleichen Grad an unmittelbarer Besorgnis für Anlagestrategien. Lindsey Stewart, Direktor für institutionelle Einblicke bei Morningstar, schlug vor, dass die Entscheidung als "Rorschach-Test" dienen könnte, bei dem Investoren das Urteil so interpretieren, dass es ihre bestehenden Ansichten zu Klimawandel und Anlegeraktionen bestätigt. Ida Kassa Johannesen, Leiterin des Bereichs Commercial ESG bei der Saxo Bank, hob die entscheidende Unterscheidung hervor, dass der IGH-Eingriff ein Gutachten und kein bindendes Urteil ist. Diese Unterscheidung, so argumentiert sie, gewährt Staaten Flexibilität in ihren Reaktionen.
Nichtsdestotrotz warnte Johannesen, dass Unternehmen mit erheblichen Umweltauswirkungen, einschließlich derjenigen in den Sektoren Öl und Gas, Bergbau und Schwerindustrie, wahrscheinlich erhöhten Rechtsstreitigkeitsrisiken ausgesetzt sein werden. Solche Risiken könnten ihre Betriebskosten, Bewertungen und den Ruf des Unternehmens beeinträchtigen. Folglich könnten große institutionelle Anleger beginnen, Kapital strategisch von Hochrisikosektoren abzuziehen, um das Engagement gegenüber klimabedingten rechtlichen und reputationsbezogenen Verbindlichkeiten zu mindern. Die von den USA und China geäußerten Vorbehalte bezüglich der unverbindlichen Natur des Gutachtens, zusammen mit Forderungen nach Flexibilität bei den Klimaschutzmaßnahmen und dem "One Big Beautiful Bill Act" der Trump-Administration, der Bergbau- und fossile Brennstoffunternehmen begünstigt, deuten darauf hin, dass die Marktreaktionen fragmentiert sein könnten. Diese Fragmentierung könnte potenziell die globale regulatorische Konvergenz verlangsamen und kurzfristig die umfassenderen Auswirkungen auf das Anlegerverhalten und die Marktdynamik begrenzen.